Geschichte der Literaturwissenschaft  -> _Moderne Literaturgeschichte_ am Seminar für deutsche Philologie
1810-1870 1870-1900 1900-1933 geistesgeschichtliche Wende Formalismus und Strukturalismus 1933-1945 1945-1966 DDR und Osteuropa 1966

Als Ende der 1860er Jahre nahezu alle Universitäten ordentliche Professuren für deutsche Sprache und Literatur eingerichtet hatten, war die Philologie als akademisch institutionalisierte Form des Umgangs mit literarischen Texten etabliert. Ihr personaler Repräsentant war der Lehrstuhlinhaber, dessen Pflicht als Ordinarius publicus darin bestand, jede Woche eine öffentliche und unentgeltliche Vorlesung über sein Fach zu halten; neben ihm wirkten der planmäßige (d.h. besoldete) Extraordinarius und Privatdozenten. Ihre akademische Qualifikation erfolgte durch die Promotion – die zum Führen des Doktortitels berechtigte – sowie durch die Habilitation, mit der man die venia legendi und also das Recht erwarb, Vorlesungen in einem definierten Fachgebiet zu halten. Da die Verleihung der venia legendi durch die Fakultäten vollzogen wurde, lag ein wesentliches Element der Wissenschaftsentwicklung in den Händen der autonom entscheidenden Universitätsangehörigen. Studierende der deutschen Philologie besuchten die Lektionen und Übungen jedoch nicht, um sich auf Tätigkeiten im Schuldienst vorzubereiten – bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Klassische Philologie die Ausbildung von Gymnasiallehrern monopolisiert. In der schulischen Praxis war es die Regel, dass der Lehrer für die alten Sprachen das Fach Deutsch ohne besondere nationalphilologische Qualifikation miterteilte. Der ausgebildete Kandidat des höheren Lehramts, der als „Philologe“ bezeichnet wurde, galt als kompetent auch für die Muttersprache und übertrug die zentralen Themen des altsprachlichen Unterrichts (Grammatik, Rhetorik, Poetik) auf den Deutschunterricht, auf den ohnehin nur zwei Wochenstunden entfielen, während für Latein 14 und für Griechisch 6 Wochenstunden vorgesehen waren. [14] Diese Dominanz der Klassischen Philologie stieß bei Germanisten und Vertretern der sich ausbildenden Neuphilologien nur selten auf Kritik. Im Gegenteil: Die Überzeugung, dass humanistische Bildung und wissenschaftliche Kompetenz nur durch das Studium der alten Sprachen zu erwerben seien, blieb unangefochten und wurde auch von führenden Vertretern der deutschen Philologie nicht in Frage gestellt: „Es ist durchaus nicht wünschenswert, dass der Studirende schon auf der Universität die deutsche Philologie zu einem Hauptstudium mache. Ohne die philologische Vorbildung an den alten Sprachen ist die Beschäftigung mit dem sogenannten Mittelalter, mit den neuern Sprachen und Literaturen nichts; sie bleiben ohne den Gegensatz des klassischen Alterthums und ohne die Möglichkeit der Vergleichung in den allerwesentlichsten Punkten unverständlich.“ [15]
Das so zementierte Bildungsmonopol der Klassischen Philologie ließ in der Universitätsgermanistik nur wenig bzw. kein Interesse an einer Orientierung auf das Erziehungssystem als Leistungsempfänger entstehen. Erst mit den Veränderungen des Bildungssystems und der Aufwertung der „neueren Sprachen“ wie der „Realien“ erfolgte eine (langsame) Umstellung der universitären Beschäftigung mit deutschen Texten – was sich nicht zuletzt in der Einrichtung und der Binnendifferenzierung von Seminaren niederschlug. Diese „Pflanzstätten“ bildeten seit der ersten, 1858 in Rostock erfolgten Gründung einen wesentlichen Garanten für den intensivierten und modernisierten Umgang mit Literatur. Wie sich die universitäre Lehre in ihnen gestaltete und intern differenzierte, dokumentiert der Bericht von Wilhelm Scherer (1841-1886) über das von ihm begründete Seminar für deutsche Philologie an der Universität Straßburg: „Während des ersten Semesters meiner hiesigen Wirksamkeit (Winter 1872/73) bestand das Seminar nur in den wöchentlich zweistündigen Übungen die ich angekündigt hatte und deren Zweck die sichere Einübung der gothischen und althochdeutschen Grammatik war, die ich in parallelgehenden Vorlesungen behandelte. Es hatten sich 14 Theilnehmer gemeldet, ebenso viele als die genannte Vorlesung hörten, und Fleiß und Betheiligung war so groß, daß ich von Neujahr ab für 6-8 Vorgeschrittene noch besondere Übungen veranstaltete, in denen Gothisch und Altsächsisch getrieben wurde. Im Laufe des Sommersemesters 1873 konnte bereits das Seminarlocal im Schlosse benutzt werden und eine kleine Bibliothek bot das dringendste dar für das Studium und die Vorbereitung zu den Übungen. In diesem Semester versuchte ich auch zuerst die Einrichtung zweier Abtheilungen des Seminares, wovon die eine der altdeutschen, die andere der modernen deutschen Philologie gewidmet war. In jener wurde (zweistündig) der arme Heinrich von Hartmann von Aue gelesen und interpretirt zum Behufe der Einübung mittelhochdeutscher Grammatik und mittelhochdeutschen Wortgebrauchs [...].“ [16]
Die dominierenden Arbeitsfelder und –formen im Umgang mit Texten sind hier klar benannt. Sichere Kenntnis des sprachlichen Regelsystems bildete das Fundament einer darauf aufbauenden „Interpretation“. Diese widmete sich Texten, die mit den Instrumentarien einer an der klassischen Philologie geschulten Analysemethode zu behandeln waren und deren kritische Untersuchung zu tieferem Verständnis von Sprach- und Wortgebrauch führen sollten. Wesentliche Vermittlungsformen blieben (dem Vorbild der klassischen Philologie entsprechend) Vorlesung und Übung. – Folgte das Straßburger Seminar in dieser Hinsicht bereits vorhandenen universitären Einrichtungen, bildete die hier durch Wilhelm Scherer begonnene Beschäftigung mit der neuhochdeutschen Literatur ein Novum. Der Seminargründer, der die „moderne Abtheilung des Seminares“ als „Quelle steigenden Genusses“ und „Mittelpunct des anregendsten Studiums für mich und die besten meiner Zuhörer“ bezeichnete, markierte selbst den besonderen Status des hier geprobten Umgangs mit der literarischen Überlieferung: „Die moderne Litteraturgeschichte wird nirgends wie hier streng wissenschaftlich in besonderen Übungen getrieben. Ich halte dieselbe nur eine Stunde wöchentlich ab, aber die Zeit reicht vollkommen aus, denn an die eigene Arbeit der Theilnehmer werden hier größere Anforderungen gestellt als in den altdeutschen Übungen. Während in den letzteren Texte interpretirt und den Einzelnen die Vorbereitung nur auf je eine Stunde zugemuthet wird, mußte in den modernen Übungen bisher noch stets gründliche eingehende und ausgebreitete Forschung verlangt werden. Im Sommersemester 1873 haben wir uns mit Lessing beschäftigt. Lessings Jugend im äußeren Umriß machte den Gegenstand des ersten Vortrages aus, dann kamen Lessings Verhältnis zur Anakreontik, Lessings Verhältnis zu Gellert in der poetischen Erzählung, die Entstehungsgeschichte des Laokoon, endlich Lessings Fabeln in Bezug auf ihren moralischen Gehalt zur Sprache. [...] In den starken Anforderungen, welche bisher an die Theilnehmer gestellt werden mußten, erblicke ich eine Übelstand, dessen Hebung ich mir ernstlich angelegen sein lasse. Ich hoffe, später auch auf diesem Gebiete zur Interpretation von Texten übergehen zu können. Dies wird aber erst dann der Fall sein, wenn die Seminarbibliothek reicher mit Werken der neueren deutschen Literatur versehen sein wird. Eine streng wissenschaftliche Interpretation Goethescher Gedichte z.B. setzt das Vorhandensein einer vollständigen Goethebibliothek voraus, wie sie weder die Universitäts- noch die Seminarbibliothek bis jetzt besitzt.“ [17]
Damit fixierte Wilhelm Scherer – der vier Semester deutsche Philologie sowie indogermanische Sprachwissenschaft in Wien studiert hatte und 1860 nach Berlin gegangen war, um bei Moriz Haupt und Karl Müllenhoff „die Methode“ zu lernen [18] – zentrale Innovationen in Gegenstandsbereich und Verfahren der Literaturforschung. Im Zentrum der „streng wissenschaftlich“ getriebenen „modernen Litteraturgeschichte“ standen die Leistungen bedeutsamer neuhochdeutscher Autoren, die in ihrer biographischen Entwicklung wie in ihren Beziehungen zur literarisch-kulturellen Tradition beschrieben und erklärt werden sollten. Voraussetzung dafür war ein umfangreiches und möglichst lückenloses Wissen über Texte sowie über Text-Kontext-Beziehungen. Sowohl für die Bereitstellung eines materialen Wissens wie für die Schaffung von Verfahren für einen regelgeleiteten Umgang mit der neueren Literatur versprach der damals 32jährige Scherer zu sorgen. Als er 1886 erst 45jährig nach unermüdlichem Wirken starb – seit 1877 erster ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, an der er die Weichenstellungen für das 1887 eröffnete Germanische Seminar vornahm – hatte er dieses Versprechen partiell eingelöst. Mit seinem Lehrer Karl Müllenhoff hatte er schon 1864 Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII. - XII Jahrhundert herausgegeben und eine Reihe von historischen Arbeiten über die Literatur des Mittelalters und der Reformationszeit verfasst, als er sich auf die Goethe-Forschung zu konzentrieren begann und 1883 schließlich den Versuch unternahm, die Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zu Goethes Tod darzustellen. In dieser weit verbreiteten, im 20. Jahrhundert durch Oskar Walzel mehrfach ergänzten Geschichte der deutschen Literatur gab Scherer nicht nur die Muster einer öffentlichkeitswirksamen Literaturhistoriographie vor, [19] sondern fixierte auch seine Theorie von einer Periodizität literarischer „Blütezeiten“, mit der er das Grundgesetz der deutschen literarischen Entwicklung gefunden zu haben glaubte. (Aus der zeitlichen Differenz zwischen dem Höhepunkt höfischer Dichtung um 1200 und Weimarer Klassik um 1800 schloss Scherer auf eine 600jährige Periodizität literarischer „Blütezeiten“ und behauptete deshalb einen ersten Höhepunkt germanischer Literatur in der Zeit um 600 – obwohl er als Beweis dafür nur das altenglische Beowulf-Epos angeben konnte, das heute auf ungefähr 800 datiert wird. Als „natürliche“ Ursachen dieser Wellenbewegung nahm er einen 300jährigen Zyklus zunehmender bzw. abnehmender Geisteskräfte des deutschen Volkes an; gleichsam eine „gesetzmäßige“ Erschlaffung nach Perioden höchster poetischer Entfaltung. Obwohl er selbst eingestehen musste, „von den Feinden nur Spott, von den Freunden keine entschiedene Beistimmung geerntet zu haben“, war er von ihrer Gültigkeit überzeugt, da sie „deductiv aus dem Wesen der Vererbung und des Geschlechtsverhältnisses zu begründen und für die Beurtheilung aller menschlichen Entwicklung als ein Leitfaden zu benützen“ sei. [20]) In seiner 1868 vorgelegten Arbeit Zur Geschichte der deutschen Sprache lieferte er wichtige Beiträge zur Sprachwissenschaft und bestimmte die „sorgfältige Beobachtung und Fixierung“ der „historischen Gesetze“ als Ziel jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit kulturellen Phänomenen. [21] Seine postum durch Richard Moritz Meyer herausgegebene Poetik unternahm einen Versuch zur Begründung der Literaturforschung auf sozial- bzw. kulturhistorischer Basis und bezog in Überlegungen zum „litterarischen Verkehr“ auch die Distribution und Konsumtion von Texten in die Beobachtung ein. Zugleich stellte er der Philologie übergreifende Bildungsaufgaben (die bis zu einem „System der nationalen Ethik“ führen sollten) und bemühte sich durch Beiträge in Zeitungen bzw. Zeitschriften um eine Popularisierung der expandierenden Literaturforschung. Vor allem aber wirkte Scherer als Wissenschaftsorganisator wie als Lehrer und Förderer von Philologen, die zahlreiche Lehrstühle an Hochschulen im deutschen Sprachraum besetzen sollten. Sein Schüler Erich Schmidt (1853-1913) war bereits im Alter von 27 Jahren Ordinarius in Wien und 1885 Direktor des Goethe-Archivs in Weimar, bevor er 1887 als Nachfolger Scherers nach Berlin ging, wo er Rektor der Universität bei deren Hundertjahrfeier und 1906 Präsident der Goethe-Gesellschaft wurde. Jakob Minor (1855-1912) arbeitete 1878/79 bei Karl Müllenhoff und Wilhelm Scherer in Berlin, um 1888 Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur in Wien zu werden und hier bis zu seinem Tode überaus ertragreich zu wirken. Konrad Burdach (1859-1936), der sich während seines Berliner Studiums an Müllenhoff und Scherer anschloss, wurde von seinem Ordinariat in Halle 1902 auf eine der drei kaiserlichen Stiftungsprofessuren der Preußischen Akademie der Wissenschaften berufen. (Die Bedeutung dieser allein der Forschung zugedachten Stelle wird klarer, wenn man sich an die Inhaber der beiden anderen Stellen erinnert: Jakob van’t Hoff und Albert Einstein.) Anton Emanuel Schönbach (1848-1911) habilitierte sich 1872 bei Scherer und wurde 1873 zum Direktor des Seminars für Deutsche Philologie an der Universität Graz ernannt, des ersten in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Auch Richard Maria Werner (1854-1913), seit 1879 Vorsteher der „neueren Abteilung“ des Grazer Seminars und seit 1886 ordentlicher Ordinarius an der Universität Lemberg, hatte bei Scherer in Straßburg und Berlin studiert. – Möglich wurde diese erfolgreiche Personalpolitik durch Scherers dichte Vernetzung in einer sich ausweitenden Wissenschaftslandschaft: Mit Karl Müllenhoff und Elias von Steinmeyer gab er die Zeitschrift für deutsches Alterthum heraus (und sorgte für die Erweiterung des Namens um die noch heute gültige Angabe und für deutsche Literatur); mit dem Straßburger Anglisten Bernhard ten Brink begründete er die Schriftenreihe Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker (die noch heute im Verlag Walter de Gruyter erscheint). Er projektierte die von der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar in Auftrag gegebene und seit 1887 erscheinende „Weimarer Ausgabe“ der Werke Goethes, verwaltete nach der lang erwarteten und zum Jahrhundertereignis stilisierten Öffnung des Goethe-Nachlasses den Umgang mit diesen Quellen und eroberte seinem auch damit betrauten Schülerkreis eine nicht zu unterschätzende Machtposition innerhalb der Germanistik.
Scherers Hinweise auf die „Universalität erfahrungsmäßiger Betrachtung“ [22] wurden von der nachfolgenden Wissenschaftsentwicklung jedoch zumeist ebenso übersehen wie seine poetologischen Differenzierungen, die im Begriff des „lyrischen Ich“ noch immer subkutan präsent sind oder mit der Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Figurencharakteristisierung spätere Entwicklungen in der Narratologie vorwegnahmen. [23] Die wissenschaftshistorisch fatale Ignoranz ist vor allem dem Ausbleiben einer stringent formulierten Wissenschaftstheorie sowie der konzeptionell und methodisch heterogenen, allein in ihrer Ablehnung der Scherer-Schule geeinten Literaturforschung der sog. Geistesgeschichte zuzurechnen. Denn diese sich seit etwa 1910 formierende Bewegung eines neuen Umgangs mit der literarischen Überlieferung positionierte sich in der wissenschaftlichen wie in der kulturellen Öffentlichkeit mit Erfolg, indem sie den literaturtheoretischen wie den literarhistoriographischen Innovationen Scherers wie den Leistungen seiner Nachfolger den Stempel des „Positivismus“ aufdrückte. Dabei war schon den Zeitgenossen unklar, worum es sich bei dem vielfach zur Stigmatisierung gebrauchten Begriff eigentlich handelte. Für Wilhelm Scherer – aber auch für den mit ihm befreundeten Philosophen Wilhelm Dilthey, den Sprachwissenschaftler Hermann Paul, den Historiker Karl Lamprecht oder die Völkerpsychologen Moritz Lazarus und Heymann Steinthal – bestand die spezifische Wissenschaftlichkeit des eigenen Tuns in einer durchgehenden empirischen Fundierung, die durch historische und vergleichende Beobachtung von Phänomenen die Muster und Gesetzmäßigkeiten ihrer Entstehung und Wirkung ermittelte. Die moderne empirische Poetik sollte, so Scherer, den normativ-präskriptiven Poetiken des Idealismus gegenüberstehen „wie die historische und vergleichende Grammatik seit J. Grimm der gesetzgebenden Grammatik vor J. Grimm gegenübersteht“. [24] Um dieses Ziel zu erreichen und auf Basis beobachtbarer „Gleichförmigkeiten der menschlichen Lebenserscheinungen“ eine kausale Erklärung kultureller Phänomene geben zu können, schlug Scherer die von der Sprachwissenschaft seiner Zeit entwickelte Methode der „wechselseitigen Erhellung“ vor. Ausgangspunkt dieses Verfahrens war die Einsicht in die Regelhaftigkeit von Entwicklungsprozessen, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Sprachen abliefen. Unterstellte man die generelle Gleichförmigkeit dieser Abläufe, dann erlaubte die Kenntnis von zeitlich jüngeren und vollständig dokumentierten Entwicklungen, die in fernerer Vergangenheit vor sich gegangenen und nur lückenhaft überlieferten Vorgänge durch Analogiebildung zu rekonstruieren. Umgekehrt konnte die Kenntnis früherer Abläufe das Verständnis gegenwärtiger und noch unabgeschlossener Prozesse befördern. Letztes Ziel dieser Methode war die Einsicht in kausale Zusammenhänge: „Wir hoffen durch die wechselseitige Beleuchtung vielleicht räumlich und zeitlich weitgetrennter, aber wesensgleicher Begebenheiten und Vorgänge sowohl die großen Processe der Völkergeschichte als auch die geistigen Wandlungen der Privatexistenzen aus dem bisherigen Dunkel unbegreiflicher Entwicklung mehr und mehr an die Tageshelle des offenen Spieles von Ursache und Wirkung erheben zu können“. [25] Die postum veröffentlichten Poetik-Vorlesungen wenden dieses Verfahren auf eine komparatistische Literaturforschung an: „Das vergleichende Verfahren verbindet sich naturgemäß mit der Methode der wechselseitigen Erhellung, welche z.B. in der Sprachwissenschaft fruchtbar angewandt worden ist. Das Deutliche, Vollständige, besser Bekannte dient zur Erläuterung des Undeutlichen, Unvollständigen, weniger Bekannten; namentlich die Gegenwart zur Erläuterung der Vergangenheit. Es dienen ferner, und dies ist ein wichtiges Element, die einfachen Erscheinungen, welche die Poesie der Naturvölker noch in der Gegenwart lebendig bewahrt, zur Erkenntniß und Erläuterung der älteren Stufen, über welche die Poesie der Culturvölker zur Höhe gelangte.“ [26]
Trotz zahlreicher grundlegender Beiträge zu Sprachwissenschaft, Mediävistik und neuerer deutscher Literaturgeschichte hinterließ Wilhelm Scherer keine zusammenhängende Formulierung seiner wissenschaftstheoretischen und methodologischen Prinzipien. Auch die Mehrzahl seiner Schüler, die er mit großem organisatorischen Geschick auf Lehrstühle in Deutschland, Österreich und in der Schweiz zu platzieren wusste, war sich über sein kognitives Vermächtnis nicht einig. Das Fehlen eines diskursiv gesicherten Fundaments für die sich rasch ausweitende Beschäftigung (insbesondere mit neuerer Literatur) sollte Folgen haben. Da es in der wissenschaftlichen Bearbeitung der literarischen Überlieferung nicht mehr genügte, sich auf eine wie auch immer bestimmte „Methode“ zu berufen, wuchs das Interesse an Reflexions- und Begründungstheorien, die man aus anderen text- und zeicheninterpretierenden Disziplinen importierte. Die ihrer Funktion inzwischen gewisse Disziplin begann zugleich, Leistungen für andere Bereiche der Gesellschaft wahrzunehmen. Denn spätestens seitdem 1890 eine Korrektur der preußischen Bildungspolitik eingeleitet wurde, die das Realschulwesen aufwertete und dem humanistischen Gymnasium das Privileg nahm, den Zugang zu den Universitäten zu ermöglichen, avancierte Nationalbildung zum Schlagwort für den Ausgleich zwischen humanistischem Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule. Die Modernisierung des höheren Schulwesens führte allmählich auch zu einem Bedeutungszuwachs der deutschen Philologie an den Universitäten – bildete sie doch die Lehrer aus, die den gymnasialen Deutschunterricht durchzuführen hatten. Ergebnis dieser vielschichtigen Problemlage waren Versuche zur Begründung einer über Philologie und Literaturgeschichtsschreibung hinausgehenden „Literaturwissenschaft“, die weitreichende Weichenstellungen vornahmen: Zum einen orientierten sich die neuen, auch im Namen als „wissenschaftlich“ kenntlich gemachten Textumgangsformen an Grundlagenwissen und Kompetenzen anderer Disziplinen (und richteten sich in den 1890er Jahren auf die gerade institutionalisierte experimentelle Psychologie, ehe sie im Jahrzehnt nach 1900 auf Konzepte aus der Philosophie umstellen sollten). Zum anderen übernahmen die neuen Programme die aus der philosophischen Wissenschaftsklassifikation stammende Differenzierung zwischen Natur- und Geistes- bzw. Kulturwissenschaften, welche die Bedingungen für Akzeptanz und Plausibilität geisteswissenschaftlicher Wissensansprüche radikal veränderte.
© Ralf Klausnitzer
Letzte Änderung am: 25.11.2007
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