Handlung Figur

-> Figur: Mentales Modell eines Menschen oder einer menschenähnlichen Gestalt in einer erzählten Welt. Wird vom Leser aufgebaut, indem er Informationen aus dem Discours um Weltwissen ergänzt.

Figuren spielen in Erzähltexten eine zentrale Rolle. Oftmals identifizieren sich Leser mit ihnen oder sprechen über sie, als wären sie lebende Menschen. Auch Interpretationen von Erzähltexten beziehen sich oft sehr plausibel auf epochen- oder auch autorenspezifische anthropologische und psychologische Konzepte (z.B. auf die Melancholie für Hamlet oder Werther, oder den Typus der nervösen Frau für die Frauenfiguren von Fontane). Das Grundproblem für die Analyse von Erzähltexten ist dabei die Tatsache, dass Texte Figuren nur mittels Worten beschreiben und dass diese Beschreibungen auch bei noch so großer Detailfülle lückenhaft sind. Sich mit Figuren so zu beschäftigen, als hätten diese irgendetwas mit Personen zu tun, galt und gilt vielen daher als naiv.
Leblose Textmerkmale oder reale Person - dieses Dilemma lässt sich durch die Unterscheidung von Discours und Histoire lösen. Im Discours werden Figureninformationen gegeben, aus denen der Leser mentale Modelle bildet, die dann die erzählte Welt bevölkern. Bei der Erzeugung des mentalen Modells der Figur werden die sprachlichen Informationen um Personenkonzepte und kulturelles Wissen ergänzt. 1
Figur = Informationen aus dem Discours + Wissen über Personen und kulturelle Gegebenheiten aus dem realen Leben
Erst der Ergänzungsprozess macht die Figurencharakterisierung aus und er wird im Folgenden deshalb analytisch von der Registrierung von Figureninformationen getrennt, obwohl die beiden Prozesse beim normalen Lesen wohl kaum zu trennen sind.
© Fotis Jannidis, Uwe Spörl, Katrin Fischer
Letzte Änderung am: 20.10.2005

1  Eine gängige Herangehensweise an Figuren in der bisherigen Forschung ist ihre Untersuchung als Funktionsträger für eine Handlung (auch als ‚Aktanten’ bezeichnet). So erhellend diese handlungsfunktionale Analyse insbesondere für Schemaliteratur sein kann, so wenig trägt sie zum Verständnis der jeweils konkreten Figur bei. D.h. wir haben ohne Zweifel etwas Wichtiges verstanden, wenn wir die funktionale Ähnlichkeit zwischen dem bösen Zauberer eines Märchens und Dr. No in Ian Flemings James-Bond-Roman erkannt haben, aber man kann mit diesem Instrumentarium noch nicht erkennen, wie die konkrete Figur ihre funktionale Rolle ausfüllt und auch nicht solche Aspekte einer Figur beschreiben, die sich nicht auf die Handlungsfunktion zurückführen lassen. Diese Konzepte werden daher unter Handlungsgrammatiken beschrieben.[zurück]

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