Drama  ->  Textliche Strukturen  -> Haupt- und Nebentext
Haupt- und Nebentext Informationsvergabe Figurenrede, Parabase, Fikitonsbrechung Dialog und Monolog Botenbericht, Teichoskopie, Vertrautenrede Stichomythie
-> Haupttext: Der von den Schauspielern als Figuren auf der Bühne gesprochene Text des Dramas.

Als Haupttext bezeichnet man die Worte des Dramentextes, die von den Schauspielern auf der Bühne gesprochen werden. Aus diesem Gespräch der Figuren auf der Bühne sollte der Zuschauer alle nötigen Informationen entnehmen, um der Handlung folgen zu können. Denn in den Mono- und Dialogen finden sich neben den handlungstreibenden Elementen auch implizite Hinweise auf die Figurenkonstellation, Ort und Zeit der Handlung, Motivationen etc.
Roman Ingarden sieht den Haupttext als den Teil des gedruckten Textbuches an, der durch die Aufführung in reale Gegenständlichkeit übersetzt werde. Allerdings ist an dieser Definition, die von der Forschung seit den 1960er Jahren weiterentwickelt wurde, problematisch, dass auch Elemente des Nebentextes, also Bühnenanweisungen etc., durch nonverbale Elemente der Bühnenpräsentation gegenständlich werden, wobei für diese immer eine ‚Übersetzung’ durch die jeweilige Inszenierung zur Realisation notwendig ist. D.h. Gesten werden nur sichtbar, wenn der Schauspieler sie macht und ggf. im Nebentext erwähnte Requisiten erscheinen immer in der Form, wie sie von Bühnenbild uns Ausstattung jeweils bereitgestellt werden.
-> Nebentext: Der Textteil des Dramas, der von den Figuren nicht gesprochen wird und der vor allem der Steuerung der Aufführung dient.

Als Nebentext lassen sich Titel, Untertitel, Gattungsbezeichnung, dramatis personae, Regieanweisungen, Gliederungshinweise (Akt-, Szenenangaben), Nachworte und weitere Epigraphe lesen. Sie enthalten wichtige Informationen über den Ablauf der Handlung, die dem Zuschauer im Theater jedoch performativ, also in ihrer Realisierung als Gesten, Aktionen oder auch Bühnenbilder und ‚Vorhänge’, präsentiert werden. Nebentexte richten sich also an Schauspieler und Spielleitung, um die Einbettung des gesprochenen Dramentextes in bestimmte Situationen deutlich zu machen und so eine Aufführung möglichst nahe an der ursprünglichen Intention zu gewährleisten. Dabei erscheinen sie oft weniger bindend in ihrer Umsetzung durch die jeweilige Inszenierung als der Haupttext.
Das Verhältnis von Haupt- und Nebentext unterliegt historischem Wandel, da einerseits Nebentexte an Bedeutung gewinnen, wenn der Autor des Stückes dieses nicht selbst zur Aufführung bringt, wie es z. B. bei Shakespeare der Fall war, sondern ein Regisseur diese Aufgabe übernimmt. Auch spielt die rein lesende Rezeption dabei eine Rolle, also die Verbreitung des Stückes als Text. Im klassischen Drama gibt es noch recht wenige Anweisungen, wohingegen im 19. Jahrhundert diese an Bedeutung und Umfang gewinnen, so dass in naturalistischen Dramen die Nebentexte quantitativ beinahe an den Haupttext heranreichen.
Im 20. Jahrhundert gibt es verschiedene Möglichkeiten, denn einerseits etabliert sich mehr und mehr ein primär dramatischer Zugang zum Drama, der weniger den Text als vielmehr die Handlung vorgibt, so dass es zu Formen von Theater kommt, die primär keinen Haupttext haben (Beckett: „Acte sans paroles“, Improvisationstheater), andererseits entstehen doch auch wieder Dramen, die sehr viel Wert auf die Wortwahl der Figuren legen. Hier können Haupt- und Nebentext wieder in ein hierarchisches Verhältnis kommen, wie es die Begriffe zunächst implizieren, gerade auch weil diese Dramen um die Praktiken des Regietheaters wissen, das sich primär am Haupttext orientiert.
-> Paratext: Der von G. Genette geprägte Begriff umfasst jegliche Form von Transtextualität eines Textes. Damit schließt er einerseits solche Dramentexte ein, auf die im Haupttext eines Dramas rekurriert wird (Zitat, Anspielung, Parodie), andererseits meint er das implizite Wissen des Zuschauers um Gattung und Gattungstradition eines Stücks, dessen historische Situierung, die Position in der Biographie des Autors, aber auch die Deutung von Gestik und Mimik, wie sie nur in der konkreten Vorstellung präsentiert wird.

Der Paratext geht also über den konkret fassbaren Nebentext eines Dramas hinaus und verweist auf ein weiteres Konzept von Textlichkeit, das sowohl literarische Konventionen, den historischen Autor, das Verhalten der Schauspieler als auch das Wissen des Zuschauers einschließt.

© Martin Huber, Elisabeth Böhm
Letzte Änderung am: 29.10.2005
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