Drama  ->  Dramenformen und Gliederungseinheiten  -> Offene und geschlossene Form
Akt, Szene, Auftritt Offene und geschlossene Form Drei Einheiten Authentizitätspostulat Exposition, Steigerung, Höhe-/Wendepunkt, retardierendes Moment, Katastrophe Chor Prolog und Epilog Theater auf dem Theater
-> Offene und geschlossene Form des Dramas: Diese beiden Begriffe markieren idealtypische Modelle für den möglichen Aufbau von Dramen, die selten in ihrer Reinform auftreten. Ähnlich kann auch die Klassifizierung als tektonische und atektonische oder strenge und freie Form verstanden werden.

-> Geschlossene Form: Im idealtypischen Drama der geschlossenen Form sollten die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung eingehalten werden, der Aufbau nach dem symmetrischen Schema Exposition, Steigerung, Höhe-/Wendepunkt, Verzögerung, Katastrophe gestaltet sein und den strengen Regeln der Personenverteilung gehorchen sowie die Ständeklausel eingehalten werden und damit der hohe Redestil etabliert sein. Außerdem sollte die Fabel auf transparente Weise ein ideelles Problem darstellen.

Das Drama der geschlossenen Form beginnt mit einer klar exponierenden Ausgangssituation, welche auf einem abgeschlossenen und überschaubaren Satz an Fakten beruht und endet nicht nur mit einem endgültigen, sondern auch mit einem eindeutigen Ende. Die Fabel entspricht somit der aristotelischen Forderung nach Ganzheit. Die Forderung nach Einheit wird durch eine eindeutig dominierende Haupthandlung gewährleistet. Sämtliche Nebenhandlungen sind für die Haupthandlung funktionalisiert und ihr somit untergeordnet. Diese Form des Dramenaufbaus begünstigt also einen zielstrebigen und linearen Handlungsablauf. Einzelnen Details kommt gerade soviel Bedeutung zu, wie zum Handlungsfortschritt notwendig ist. Jedes Teil ist unersetzbar, da alles nicht Unentbehrliche eliminiert ist.

Die Struktur der Fabel ist meist pyramidal und symmetrisch angelegt - Exposition (erregendes Moment), Steigerung, Höhepunkt, (tragisches Moment), Fall / Umkehr, retardierendes Moment, (Moment der letzten Spannung), Katastrophe. Der Idealtyp der geschlossenen Form entspricht sowohl in seinem Aufbau wie auch seiner inhaltlichen Anordnung einer hierarchisch organisierten Struktur: Die Fabel als Ganzes determiniert jedes Teil.
Das Personal ist gemäß der Ständeklausel eingegrenzt, es verfügt über die notwendige Fallhöhe, um die Handlung tragisch wirksam werden zu lassen. Entsprechend können die Figuren über ein hohes Sprachniveau verfügen, um dem Gegenstand eine angemessene sprachlich-stilistische Ausgestaltung zukommen zu lassen. Deswegen finden sich häufig die typischen Stilmittel, z.B. Stichomythie, Gleichnisrede, Metaphern etc.
Zahlenmäßig geringes Personal garantiert übersichtliche Konstellationen und die Konzentration auf die Haupthandlung. Zudem sollten bei den einzelnen Auf- und Abtritten die strengen Regeln beachtet werden, so dass die Bühne während eines Aktes nie leer bleibt. Wenige Ortswechsel und kaum Zeitsprünge konzentrieren die Aufmerksamkeit wiederum auf die eine, zentrale Haupthandlung, zudem dienen sie dem Wahrscheinlichkeitspostulat.
Die Vorstellungen der geschlossenen Form des Dramas werden vom französischen Klassizismus (v.a. Racine) nach Deutschland übernommen. Zwar liegt sie den normativen Poetiken des 18. Jahrhunderts zu Grunde, doch manifestiert sie sich erst mit Freytags Dramenmodell im 19. Jahrhundert, noch immer ohne dabei den Begriff aufzugreifen. Dieser taucht erst 1915 bei Wölfflin auf und wird von Volker Klotz 1960 für die Literaturwissenschaft endgültig geprägt. Dass die Idealform nur in wenigen Dramen wirklich realisiert zu finden ist, wurde von Kritikern immer wieder herausgestellt.
-> Offene Form: Gegenmodell zur geschlossenen Form und daher „ex negativo“ bestimmt bzw. in bewusster Differenz zu dieser gestaltet. Die Forderung nach einem voraussetzungslosen Anfang und einem endgültigen Ende wird somit negiert. Das Drama bildet nicht mehr ein geschlossenes, hierarchisch organisiertes Ganzes, sondern stellt ein Ensemble von Einzelsequenzen dar.

Die offene Form des Dramas stellt als Gegenmodell zur geschlossenen Form genauso einen Idealtyp dar, der die drei Einheiten weitgehend suspendiert, über großes Personal verfügt, verschiedene Sprachniveaux enthält und nicht unbedingt den üblichen Regeln der Gliederung folgt. Realiter wird er repräsentiert durch ein Konglomerat von vielen diversen Dramentypen aus unterschiedlichen Epochen, die sich nicht den klassizistischen Regeln beugen und sich z.B. auf Shakespeare als Vorbild berufen. So können mit diesem Überbegriff zum Beispiel Dramen aus dem Sturm und Drang ebenso benannt werden wie Büchners Dramen oder Werke aus dem Naturalismus. Die intentionale Handlung wird oft ersetzt durch ein Geschehen, welches den Figuren widerfährt. Das Drama zeigt einen Abschnitt im Leben der handelnden Figuren und erhebt somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Fabel (Bsp.: Dokumentartheater).
Die Einheit der Fabel, welche in der geschlossenen Form gefordert wird, wird in der offenen Form durch die Gleichsetzung der einzelnen Sequenzen gebrochen. Die Grenzen zwischen Haupt- und Nebenhandlung verschwimmen bis zur Verschmelzung. Dadurch fehlt auch die klare hierarchische Abstufung des Personals in Haupt- und Nebenfiguren.
Im Gegensatz zur geschlossenen Form dominiert hier die individuelle Erfahrung. So sind nicht nur die Figuren dominant individualistisch gezeichnet, sondern das ganze Drama verkehrt sich in seinem Aufbau: Die einzelnen Geschehnisse werden nicht mehr durch ihren Bezug auf das Ganze definiert, sondern die einzelnen Teile bilden den Schwerpunkt und ergeben am Ende die Darstellung eines Ganzen. Ebenso stellt die Fabel kein ideelles Problem mehr dar, vielmehr dominiert das konkret-individuelle Erlebnis. Erschließt sich das geschlossene Drama also deduktiv, ist die offene Form auf induktive Weise zu verstehen.
Ordnungsprinzipien wie zyklische, repetitive oder kontrastierende Anordnungen ersetzen das Fehlen der linearen Finalität des geschlossenen Dramas. Durch das Aufbrechen dieser starken Zielspannung besitzen die Gliederungseinheiten wie Akt und Szene eine andere Funktion, oder können irrelevant werden. Die Auflösung einer handlungspragmatischen Verknüpfung kann kompensiert werden durch die Beiordnung komplementärer Sequenzen, durch metaphorische Verklammerung oder auch durch die Möglichkeit eines zentralen Ichs. Ideelle Probleme werden kaum mehr thematisiert, dagegen treten häufig verschiedene Problembereiche auf, die sich in der Dispararität der Anlage genauso manifestieren wie in der häufig gestörten Kommunikation zwischen den Figuren.
© Martin Huber, Elisabeth Böhm
Letzte Änderung am: 17.12.2005
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