Geschichte der Literaturwissenschaft  -> Eine Wissenschaft formiert sich. Varianten 1810-1870
1810-1870 1870-1900 1900-1933 geistesgeschichtliche Wende Formalismus und Strukturalismus 1933-1945 1945-1966 DDR und Osteuropa 1966
Den Terminus „Literaturwissenschaft“ gibt es – abgesehen von einer isolierten Verwendung im Jahre 1764 – seit 1828. In diesem Jahr beginnt mit dem Gebrauch der Kategorie „Literaturwissenschaft“ im Verzeichnis der Bücher [...] zu finden in der J.C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig die Wortgeschichte. Nach seltenem Einsatz in den Jahrzehnten nach 1830 wird der Begriff seit den 1880er Jahren zum programmatischen Label für eine Verwissenschaftlichung der universitären Fächer, die sich auf je eigene Weise mit literarischen Texten beschäftigen: 1884 erscheinen Akademische Blätter mit dem Untertitel Beiträge zur Litteratur-Wissenschaft, in denen u.a. die Goethe-Forscher Heinrich Düntzer und Jakob Minor sowie der Klopstock- und Wieland-Editor Franz Muncker publizieren. Der später als Ethnograph wirkende Ernst Grosse projektiert in seiner Hallenser Dissertation Die Literatur-Wissenschaft. Ihr Ziel und ihr Weg 1887 eine theoretisch begründete Literaturgeschichte; Reinhold Merbot dokumentiert in der 1889 in Frankfurt veröffentlichten Schrift Forschungsweisen der Literatur-Wissenschaft insbesondere dargelegt an den Grundlagen der Liedertheorie und sucht hier die deutsche Philologie zu modernisieren. Universitäre Eigenständigkeit gewinnt der Begriff noch später. Im Jahr 1913 wird das „Königlich Preußische Seminar für Literatur- und Theaterwissenschaft“ an der Kieler Universität als selbständiges Institut ins Leben gerufen; sein Begründer ist der hier seit 1904 als außerordentlicher Professor für Neuere deutsche Sprache und Literatur wirkende Eugen Wolff (1863-1929), der sich in Berlin an der literarischen Bewegung des Naturalismus beteiligt und 1890 die programmatischen Schriften Das Wesen wissenschaftlicher Literaturbetrachtung und Prolegomena der litterar-evolutionistischen Poetik veröffentlicht hatte.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die mit der Erforschung von Literatur befassten Wissenschaftszweige eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die schon im 18. Jahrhundert verstärkt einsetzenden und in der Romantik intensiv verfolgten Interessen für poetologische Reflexion und literarische Überlieferung (insbesondere des Mittelalters und der frühen Neuzeit) führten im Verbund mit Modernisierungen im Bildungssystem und der durch Wilhelm von Humboldt initiierten Neuorganisation der preußischen Universitäten nach 1810 zur Einrichtung der ersten Professuren für deutsche Sprache und Literatur. Ihre Inhaber beschäftigten sich vorrangig mit der Sammlung, Edition und Kommentierung von Texten. Bereits 1805 hatte der Bibliotheksangestellte Georg Friedrich Benecke in Göttingen ein Extraordinariat ohne Fachbezeichnung erhalten und widmete sich auf dieser Stelle der editionsphilologischen und lexikographischen Erschließung „altdeutscher“ Texte; 1809 wurde Friedrich Ferdinand Delbrück außerordentlicher Professor für Theorie, Kritik und Literatur der Schönen Künste an der Universität Königsberg. 1810 erfolgte die Berufung des Juristen und Privatgelehrten Friedrich Heinrich von der Hagen auf die Stelle eines außerordentlichen Professors für Deutsche Sprache und Literatur an der neu gegründeten Berliner Universität. Seine Stelle gilt als erste germanistische Fachprofessur und ihr Inhaber – der 1807 eine „erneuende“ Ausgabe des Nibelungenliedes vorgelegt hatte und das „Studium der vaterländischen Alterthumswissenschaften in die Reihe der übrigen Wissenschaften“ heben wollte [1] – als einer der „Gründerväter“ einer institutionalisierten Literaturforschung. Dabei ist die Prioritätsfrage (ebenso wie die Rede von einer personal begründeten Wissenschaft) problematisch und auch an dieser Stelle nicht zu entscheiden. Schon Wilhelm Grimm kritisierte die auf „Erneuung“ der mittelhochdeutschen Überlieferung zielenden Anstrengungen des Friedrich Heinrich von der Hagen als „Modernisierung, die schlechter ist als das Original, und doch nicht modern“; Jacob Grimm betonte in seiner Rede auf Lachmann 1851, dass Georg Friedrich Benecke „überhaupt der erste“ gewesen sei, „der auf unsern Universitäten eine grammatische kenntnis altdeutscher sprache weckte“. [2] Die hier anklingenden und insbesondere von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, ihrem Mentor Benecke und dem später noch wichtig werdenden Philologen Karl Lachmann geleisteten Widerstände gegen den ersten Berliner Lehrstuhlinhaber Friedrich Heinrich von der Hagen – der 1817 eine ordentliche Professur für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Breslau und 1824 ein Ordinariat in Berlin erhielt – verweisen auf divergierende Varianten im Umgang mit Literatur schon in der Frühzeit der sich disziplinierenden Wissenskultur: Sollten literarische Texte als kulturelle Zeugnisse für die Gegenwart verstanden (und entsprechend aufbereitet) oder als Sprachdenkmale (mit philologischer Methode und „grammatischer kenntnis“) behandelt werden? An welchen textinterpretierenden Disziplinen konnte sich die gerade etablierende Beschäftigung mit deutscher Literatur orientieren? Und wer sollte der Adressat bzw. Verwender der so produzierten Wissensansprüche sein? – Alternativen im Umgang mit Texten waren also möglich und prägten die Entwicklung einer universitären Literaturforschung, die sich in einem komplizierten und an den einzelnen Hochschulen zeitlich stark versetzten Prozess zwischen 1810 und 1870 formierte (Stackmann 1991, Weimar 1989; Fohrmann/ Voßkamp 1991; Fohrmann/ Voßkamp 1994). Folgt man der (für die deutsche Universitätstradition wohl zutreffenden) Auffassung, dass die Institutionalisierung eines Faches mit der Errichtung eines Ordinariats verbunden ist, macht ein Blick auf die nachfolgende tabellarische Übersicht deutlich, wie langwierig und uneinheitlich sich die Anfänge einer professionalisierten Literaturforschung gestalteten:
 
Einrichtung einer ord. Professur
 
Universität
 
Fachbezeichnung/ Nomination
 
Vertreter
 
1811
 
Tübingen
 
Lehrstuhl für die deutsche Sprache und Literatur und für die Übungen im mündlichen und schriftlichen Vortrag
 
Salomo Heinrich Michaelis
 
1813
 
Göttingen
 
ohne Fachbezeichnung
 
Georg Friedrich Benecke
 
1817
 
Breslau
 
Deutsche Sprache und Literatur
 
Friedrich Heinrich von der Hagen
 
(1818
 
Berlin
 
ohne Fachbezeichnung
 
August Wilhelm Schlegel)
 
1824
 
Berlin
 
Deutsche Sprache und Literatur
 
Friedrich Heinrich von der Hagen
 
1818
 
Bonn
 
Fach der schönen Redekünste und der schönen Litteratur, sowohl im Allgemeinen als auch in besonderer Beziehung auf deutsche Sprache
 
Johann Friedrich Ferdinand Delbrück
 
1827
 
Königsberg
 
Fach der deutschen Sprache und Litteratur
 
Eberhard Gottlieb Graff
 
1835
 
München
 
Ältere deutsche Sprache und Litteratur
 
Hans Ferdinand Maßmann
 
1837
 
Rostock
 
Ästhetik und neuere Literatur
 
Christian Wilbrandt
 
1843
 
Leipzig
 
Deutsche Sprache und Literatur
 
Moriz Haupt
 
1847
 
Greifswald
 
Fach der orientalischen Sprachen und der vergleichenden Sprachwissenschaft
 
Albert Hoefer
 
1848
 
Marburg
 
Orientalische und altdeutsche Literatur
 
Franz Dietrich
 
1852
 
Heidelberg
 
Altdeutsche Sprache und Literatur
 
Adolf Holtzmann
 
1852
 
Erlangen
 
Deutsche Sprache und Literatur
 
Rudolf von Raumer
 
1854
 
Kiel
 
Deutsche Sprache, Literatur und Altertumskunde
 
Karl Müllenhoff
 
1856
 
Würzburg
 
Deutsche Philologie
 
Hermann Müller
 
1863
 
Halle
 
Deutsche Sprache und Litteratur
 
Julius Zacher
 
1866
 
Freiburg
 
Deutsche Sprache und Literatur
 
Matthias Lexer
 
1867
 
Gießen
 
Deutsche Sprachwissenschaft und Literatur
 
Friedrich Ludwig Karl Weigand
 
1872
 
Straßburg
 
Ohne Fachbezeichnung
 
Wilhelm Scherer
 
1876
 
Jena
 
Deutsche Philologie
 
Eduard Sievers
 
1877
 
Berlin
 
Neuere deutsche Literaturgeschichte
 
Wilhelm Scherer
Schon die wechselnden Nominationen signalisieren Veränderungen, die sich in der universitären Erforschung und Vermittlung literarischer Texte seit der Errichtung eines Lehrstuhls „für die deutsche Sprache und Literatur und für die Übungen im mündlichen und schriftlichen Vortrag“ 1811 in Tübingen vollzogen. In den folgenden Abschnitten sollen diese Wandlungen im Umgang mit Literatur innerhalb einer sich ausdifferenzierenden Wissenschaftslandschaft nachgezeichnet werden. Die Rekonstruktion dokumentiert den langfristigen Prozess, in dessen Verlauf sich eine universitäre Wissenskultur zur Bearbeitung von deutscher Literatur etablierte und – wie die Einrichtung der ersten Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte 1877 in Berlin sichtbar macht – intern differenzierte. Nach der Darstellung von deutscher Philologie und Literaturgeschichte, die im Anschluss an bereits erfolgreiche Disziplinen unterschiedliche Verfahren zur Behandlung der literarischen Überlieferung entwickelten, folgt eine Erläuterung der seit den 1870er Jahren verfolgten Anläufe zur Begründung einer „Literatur-Wissenschaft“, die sich mit induktiven Verfahren und Kausalerklärungen von vorgängigen philologischen bzw. literarhistoriographischen Textumgangsformen zu emanzipieren suchte.
© Ralf Klausnitzer
Letzte Änderung am: 15.11.2007
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