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Institutionelle und personale Bedingungen Konzepte und Methoden
Die institutionellen Bedingungen für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur hatten sich mit der politischen Zäsur des Jahres 1945 grundlegend geändert: Die Konditionen der Wissenschaftsentwicklung im Osten Deutschlands – wie auch in den anderen osteuropäischen Staaten und in der Sowjetunion – wurden von politischen Planungs- und Steuerungsinstanzen diktiert, die über ein geschlossenes ideologisches Konzept zum Aufbau einer staatssozialistischen Gesellschaft verfügten und auf dieser Grundlage auch eine mehr oder weniger kohärente Kultur- und Wissenschaftspolitik konzipierten. Doch sowohl den Kulturoffizieren der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland als auch den Politikern in der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung bzw. im Staatssekretariat für Hochschulwesen wurde rasch klar, dass die angestrebte Ersetzung der bisherigen politischen und kulturellen Eliten durch ausgewiesene Marxisten, die eine „antifaschistische Umgestaltung“ und den Aufbau des Sozialismus vorantreiben sollen, nur mittel- bzw. langfristig realisierbar sein würde: Die personelle Verfassung des Hochschulsystem war infolge des Krieges und einer zunächst rigorosen Entnazifizierungspolitik so desolat, dass an den meisten Universitäten der SBZ nicht einmal die Mindestanforderungen zur Aufnahme des Lehrbetriebs gedeckt werden konnten.
Dementsprechend wandelte sich die Strategie. Gegenüber den verbliebenen „bürgerlichen“ Wissenschaftlern demonstrierte man Offenheit und Toleranz (zumal die Hoffnung bestand, auch diese Forscher für den Aufbau einer neuen Gesellschaft gewinnen zu können). Das Ziel einer rückhaltlosen „Säuberung“ des gesamten Bildungs- und Erziehungssystems von nazistisch belasteten Lehrern und Professoren wurde im Interesse eines reibungslosen Funktionierens des akademischen Betriebs relativiert und später ganz aufgegeben – schon im Juni 1946 erfolgte die Berufung von Leopold Magon zum ordentlichen Professor für Germanistik an die Universität Greifswald; der gleichfalls aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP belastete Ordinarius Georg Baesecke war bereits unmittelbar nach Wiedereröffnung der Universität Halle im November 1945 in sein Amt zurückgekehrt. Joachim Müller, 1942 im Sammelband Gedicht und Gedanke vertreten und wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft 1945 aus dem Schuldienst entlassen, wurde 1951 als Professor für Neuere und Neueste Literaturgeschichte an die Universität Jena berufen. – Toleranz demonstrierten auch publizistische Plattformen wie die international ausgerichtete Kulturzeitschrift Sinn und Form oder die auf Ausgleich bedachte Zeitschrift Ost und West, die eine Vermittlungsfunktion zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit einnahmen. Die Geschichte beider Periodika wirft aber auch ein bezeichnendes Licht auf die begrenzten Möglichkeiten in der SBZ/DDR: Peter Huchel, der die Redaktion von Sinn und Form 1949 auf Wunsch von DDR-Kulturminister Johannes R. Becher übernommen hatte, erregte mit seiner unorthodoxen Editionspolitik zunehmend offiziellen Unwillen und gab – nach wiederholten schweren Vorwürfen, u.a. auf der Bitterfelder Konferenz 1959 – im Jahr 1962 seine Tätigkeit auf, druckte aber noch einige seiner berühmtesten und politisch schärfsten Gedichte (Der Garten des Theophrast, Traum im Tellereisen, Winterpsalm) ab. Der Begründer der Zeitschrift Ost und West, der Publizist und Schriftsteller Alfred Kantorowicz (1899-1977) wurde nach deren verordneter Einstellung 1949 mit einer universitären Position abgefunden: Seine Professur für Neueste deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin war eine der ersten Stellen für Gegenwartstexte und Kantorowicz – persönlich mit zahlreichen emigrierten Schriftstellern bekannt sowie Begründer des Heinrich-Mann-Archivs an der Berliner Akademie der Künste – avancierte zu einem Pionier der literaturwissenschaftlichen Exil-Forschung. Nachdem er sich geweigert hatte, eine Resolution gegen den ungarischen Aufstand zu unterzeichnen, verließ er im August 1957 die DDR und widmete sich bis zu seinem Tod 1979 in Hamburg der Erforschung der Exilliteratur.
Zugleich setzten gezielte Maßnahmen zur Schaffung einer neuen, marxistisch-leninistischen Wissenschafts-Elite ein. Da deren Angehörige aus dem Kreis der Arbeiter und Bauern kommen sollten, um den Charakter der Hochschulen als Bildungsstätten der Besitzenden zu brechen, wurden schon 1948 „Arbeiter- und Bauernfakultäten“ gegründet, die einen aufgrund seiner Klassenzugehörigkeit vermeintlich politisch besonders zuverlässigen Kaderbestand auf seine universitäre Ausbildung vorbereiten sollten. Die Ausbildung an den Hochschulen wurde durch außeruniversitäre Seminare und Lehrgänge ergänzt, die einen ausgewählten Teilnehmerkreis mit neuen Gegenständen und Verfahren vertraut machen sollten. Einer der Aktivisten dieses Kurssystems war Gerhard Scholz (1903-1989), der nach der Rückkehr aus der Emigration seit 1947 als persönlicher Referent des Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, Paul Wandel, wirkte und 1948 einen Arbeitskreis für Literatursoziologie für Nachwuchswissenschaftler und Studenten an der Berliner Humboldt-Universität begründete. Der Schulung durch Scholz – der 1949 die Nachfolge von Hans Wahl als Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar antrat und hier 1950/51 den staatlich einberufenen Germanistenlehrgang für Nachwuchswissenschaftler und Lehrer der Arbeiter- und Bauernfakultäten leitete, bevor er von 1959 bis 1969 als Professor für neuere und neueste deutsche und nordische Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrte – entstammten zahlreiche bedeutende Germanisten der DDR; zu ihnen zählen u.a. Edith Braemer, Inge Diersen, Hans-Jürgen Geerdts, Eva Kaufmann, Hans Kaufmann, Peter Müller, Dieter Schlenstedt, Silvia Schlenstedt, Siegfried Streller, Peter Weber und Ursula Wertheim. Mit der Rekrutierung talentierter Forscher und ihrer Ausbildung durch marxistische Wissenschaftler suchte man diese Angehörigen der „wissenschaftlich-technischen Intelligenz“ nicht nur der Verfügung „bürgerlicher“ Professoren zu entziehen, sondern zugleich neue Loyalitäten zu schaffen: Mit der Bindung von Beobachtungsverfahren und Deutungsprinzipien an die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus wurde die Überzeugung von der führenden Rolle der staatstragenden Partei SED, die Orientierung am sowjetischen Vorbild und die Ausrichtung der Wissensproduktion auf gesellschaftlichen Nutzen implementiert. Die sich seit 1948 zuspitzende Blockkonfrontation sowie die Gründung zweier deutscher Staaten 1949 beschleunigten diesen Prozess. Im Zuge des 1951 verkündeten „Aufbau des Sozialismus“ verschärften die SED und die von ihr dominierten Institutionen nach einer zunächst liberalen Politik ihre Anstrengungen, den Marxismus-Leninismus als Bildungs- und Erziehungsideal sowie als ideologisches Fundament des Wissenschaftssystems zu etablieren. Dazu wurden institutionelle Weichenstellungen vorgenommen, die den Lehr- und Forschungsbetrieb in der DDR nach sowjetischem Vorbild gestalteten: Die Einführung des zehnmonatigen Studienjahres, die Übernahme der Aspirantur zur Förderung des Nachwuchses und die Entwicklung staatlicher Studienpläne, die Lehrstoffe und Leistungsanforderungen für die Studierenden eindeutig fixierten, gaben Muster der universitären Ausbildung vor, die (unter partiellen Modifikationen) bis zum Ende der DDR bestimmend bleiben sollten. Auch wenn die Einheit von Forschung und Lehre nicht gänzlich aufgegeben wurde, verlagerten sich Forschungsaktivitäten zunehmend an die angesehene Akademie der Wissenschaften sowie an die von der SED geschaffenen Parteiinstitute. Das 1952 gegründete Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Akademie der Wissenschaften setzte zumindest anfänglich jedoch vor allem jene philologischen Unternehmen fort, die schon die seit 1905 bestehende Deutsche Kommission gepflegt hatte: Neben das von Jacob und Wilhelm Grimm 1852 begonnene Deutsche Wörterbuch und diverse Spezialwörterbücher trat nun ein Marx-Engels-Wörterbuch und das (von Wolfgang Schadewaldt projektierte und durch die DFG mitgetragene) Goethe-Wörterbuch; die langfristigen Editionsprojekte (Goethe, Wieland, Jean Paul) wurden durch Ausgaben der Werke Friedrich Maximilian Klingers und Georg Forsters ergänzt (Dornhof 1997). 1960 erfolgte die Errichtung eines Akademie-Instituts für romanische Sprachen und Kultur, das sein Initiator Werner Krauss bis zur Emeritierung 1966 leitete. Schon 1951 war durch Hans Holm Bielfeldt ein Institut für Slawistik gegründet worden. Nach der Akademie-Reform 1969 sollten die literaturwissenschaftlichen Abteilungen dieser philologischen Institute zusammengefasst werden und das Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR bilden, das mit der Öffnung zu internationalen und interphilologischen Problemstellungen leitende Funktionen für die Wissenschaftslandschaft der DDR übernahm (Boden/ Böck 2004).
Ein weiteres Mittel zur Umsetzung der seit Beginn der 1950er Jahre verfolgten Strategie, die Literaturwissenschaft in eine marxistisch-leninistische Gesellschaftswissenschaft umzuwandeln und mit entsprechendem akademischen Nachwuchs zu versorgen, war die Schaffung publizistischer Foren. Der in Leipzig lehrende Hans Mayer und der in Berlin wirkende Romanist Werner Krauss gaben seit 1955 die Schriftenreihe Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft heraus, von der bis 1963 immerhin 19 Bände erschienen. Gerhard Scholz initiierte zusammen mit Hans Kaufmann und Hans Günther Thalheim die Reihe Germanistische Studien, deren Titel zwischen 1964 und 1984 gedruckt wurden. Die 1955 gegründete Zeitschrift Weimarer Beiträge blieb das zentrale Periodikum für „Theorie und Geschichte der deutschen Literatur“ (seit 1957 „Zeitschrift für deutsche Literaturgeschichte“), auch wenn es Fachorgane mit berührenden Gegenständen und seit 1980 die Zeitschrift für Germanistik gab (Schandera/ Bomke/ Ende/ Schade/ Steinhorst 1997). Der Titel der Zeitschrift war ebenso mit Bedacht gewählt wie ihr Herausgeberkollektiv: Analog zu den in der DDR zelebrierten Dichter-Ehrungen (1949 Goethe, 1953 Herder, 1954 Lessing, 1956 Heine und 1959 Schiller) und zur Gründung der „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar“ (NFG) stellte das Periodikum Weimarer Beiträge das humanistische Erbe der deutschen Literatur und namentlich die als progressiv erachteten Leistungen der Klassik ins Zentrum. Erste Herausgeber waren der Schriftsteller Louis Fürnberg, der aus Mähren stammte, 1946 aus palästinensischem Exil in die ČSR zurückgekehrt und 1954 nach Weimar übergesiedelt war, und der 1954 bei Joachim Müller in Jena promovierte Hans-Günther Thalheim, der als Lehrer an der sogenannten „Vorstudienanstalt“ der Leipziger Universität 1951 zum Weimarer Germanisten-Lehrgang bei Gerhard Scholz delegiert worden war. Die so symbolisierte Koalitionspolitik prägte denn auch das Erscheinungsbild der ersten Jahrgänge: Neben Texten marxistisch orientierter Nachwuchswissenschaftler wie Edith Braemer, Hans Jürgen Geerdts und Ursula Wertheim wurden Beiträge des „bürgerlichen“ Professors Joachim Müller und z.T. umfangreiche Arbeiten westlicher Wissenschaftler, u.a. des in Cambridge lehrenden Walter H. Bruford veröffentlicht.
Die hier im einzelnen nicht weiter nachzuzeichnenden Veränderungen in der Wissenschafts- und Universitätslandschaft der DDR hatten für die institutionalisierte Literaturforschung Konsequenzen, die spätestens zu Beginn der 1960er Jahre sichtbar wurden. Während zahlreiche Philologen zumeist aufgrund von Konflikten mit der Staatsmacht das Land verlassen hatten – zu ihnen gehörten der schon erwähnte Alfred Kantorowicz (Berlin) sowie Werner Schröder (Halle), Walter Johannes Schröder (Rostock), Karl Bischoff (Halle/S.), Heinz Stolte (Jena/Berlin), Albert Malte Wagner (Jena), Martin Greiner (Leipzig/ Jena), Hans Friedrich Rosenfeld (Greifswald), Hildegard Emmel (Greifswald), Werner Simon (Berlin), Wilhelm Wissmann (Berlin), Hermann Kunisch (Berlin) und nach dem Mauerbau Hans Mayer (Leipzig) – bereitete sich eine neue Generation auf die Übernahme von Funktionen im Wissenschaftssystem vor. Geschult durch die Schriften der marxistisch-leninistischen „Klassiker“ und deren Applikation auf die Literaturbeobachtung, wie sie etwa in den ideologiegeschichtlichen Studien von Georg Lukács und sozialhistorischen Untersuchungen sowjetischer Provenienz oder in den Arbeiten von Hans Mayer und Werner Krauss zu finden waren, sollten diese Akteure die Geschicke der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur bis in die 1980er Jahre bestimmen.